„Das Kind riecht nach Leiche. Es wird nicht lange leben.“

Seit meinem letzten Posting habe ich weitaus mehr Zeit verstreichen lassen als geplant, was unter anderem mit einer Reise zusammenhängt, die mich durch mehrere Städte an der Ostseeküste führte – und zu einer Begegnung mit meiner Familiengeschichte, die einen Stein ins Rollen gebracht hat. Eigentlich wollte ich vorerst weiter über meine Vorfahren mütterlicherseits schreiben, aber das ging nun nicht mehr. Zu lebendig stand plötzlich die Familie meines Vaters vor mir, zu viele Fragen kamen in mir auf.

Wir waren schon einige Tage auf der Ostsee unterwegs, als wir im litauischen Klaipeda, unter dem Namen Memel einst die nördlichste deutsche Stadt, per Autofähre hinüber zur Kurischen Nehrung schipperten. Auf einer schmalen Landstraße ging es weiter durch den Wald bis nach Nida, früher Nidden, wo Thomas Mann mit seiner Familie im Sommerhaus eine kurze glückliche Zeit verbrachte. Es war ein heißer, windstiller Tag, und als wir ausstiegen, fühlte sich für mich gleich alles seltsam vertraut an: die Landschaft mit ihrem Sandboden und den typischen windschiefen Kiefern, die Stille, vor allem aber der trockene, harzig-würzige und trotzdem frische Geruch der Luft.

Wer sich erinnert, lügt

Seit ich beschlossen habe, meine Familiengeschichte aufzuschreiben, arbeitet die Gedächtniszentrale in meinem Kopf pausenlos, sendet Filme auf meinen inneren Bildschirm und Gesprächsfetzen, bombardiert mich mit Fragen und hält mich mit Erinnerungen vom Schlafen ab. Ab und an runzle ich gedanklich die Stirn und frage mich: Kann das überhaupt so passiert sein?

Mein Familienkosmos

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ – aber geht’s nicht auch sanfter?

Immer wenn ich ein paar Tage an der Ostsee verbringe, in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, ploppen in mir die Erinnerungen auf. Es reicht schon, wenn ich den maroden Bürgersteig entlanggehe, über den ich als Zehnjährige meinen frisch geborenen Neffen im Kinderwagen geschoben habe, oder die Bank sehe, auf der ich meinen ersten heißen Kuss bekam. Wahrscheinlich ist es gar nicht mehr dieselbe Bank, aber das Gefühl, das die Erinnerung hochholt, ist noch dasselbe wie damals. Von einem Feriencamp weht Küchendunst zu mir herüber – und zack, bin ich wieder zwölf Jahre alt und ekle mich im Mathelager vor der ollen Kohlsuppe.