Mein Blog

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„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ – aber geht’s nicht auch sanfter?

Immer wenn ich ein paar Tage an der Ostsee verbringe, in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, ploppen in mir die Erinnerungen auf. Es reicht schon, wenn ich den maroden Bürgersteig entlanggehe, über den ich als Zehnjährige meinen frisch geborenen Neffen im Kinderwagen geschoben habe, oder die Bank sehe, auf der ich meinen ersten heißen Kuss bekam. Wahrscheinlich ist es gar nicht mehr dieselbe Bank, aber das Gefühl, das die Erinnerung hochholt, ist noch dasselbe wie damals. Von einem Feriencamp weht Küchendunst zu mir herüber – und zack, bin ich wieder zwölf Jahre alt und ekle mich im Mathelager vor der ollen Kohlsuppe.

Im Moment bin ich wieder hier. Als ich neulich an dem schönen alten Haus vorbeikam, in dem wir die Hochzeit meines Bruders gefeiert haben, fiel mir ein, dass ich dort als Zehnjährige die Festgesellschaft mit einem ellenlangen plattdeutschen Gedicht beglückt habe. Als Kind habe ich mich furchtbar gern und ohne Scheu vor Publikum produziert; schon mit vier Jahren sang ich im Milchladen vor den Kunden „Oh My Darling, Clementine“ und verlangte 50 Pfennig dafür. Heute würde man mich eine kleine Rampensau nennen.

Ich konnte jede Menge plattdeutsche Gedichte auswendig, dreimal laut Lesen reichte. Das war für mich nichts Besonderes, das Lernen fiel mir leicht. Etwas nicht zu schaffen, außer im Sportunterricht, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Und wenn ich doch mal etwas schwierig fand, kam zu Hause der Spruch: „Nun stell dich mal nicht so an. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

Als Kind war ich überzeugt, eine großartige Zukunft vor mir zu haben, eine prominente mit viel Publikum, als Schriftstellerin vielleicht oder besser noch als Schauspielerin, meine älteren Geschwister arbeiteten ja auch fürs Theater und Fernsehen. Bis zu dem Tag auf einer Klassenreise, an dem die Klassenlehrerin mich auslachte: „Wie, DU willst Schauspielerin werden? Mit DEN Stockbeinen?“ Das saß. Und das tat richtig weh, denn für dieses Problem war selbst bei bestem Willen kein Weg in Sicht.

Frau Lindemann sollte Recht behalten. Auf der Bühne bin ich nicht gelandet, und ich habe auch kein eigenes Buch veröffentlicht. Aber der Traum ist geblieben und hat sich immer wieder in Erinnerung gebracht, nicht selten schmerzhaft, mal in der Hüfte, mal im Rücken. Endlich nicht mehr die Person in der zweiten Reihe sein, die Dolmetscherin, Übersetzerin oder Biographin, endlich eigene Geschichten erzählen und mich an die Öffentlichkeit trauen. Warum ich das nicht längst getan habe? Weil ich gleich ein richtig großes Buch über meine ziemlich ungewöhnliche Familie schreiben und das wie immer perfekt hinkriegen wollte. Aber ich wusste einfach nicht, wo ich anfangen soll.

Deswegen schreibe ich nun diesen Blog, als erster Schritt auf einem Weg, der sich erst noch zeigen wird. Ich versuche mal, mich an die Hand zu nehmen und einfach loszugehen. Dafür brauche ich ja nur in die Kiste mit meinen Erinnerungen zu greifen und davon erzählen, wie ich aufgewachsen bin zwischen schrägen Vögeln und biederen DDR-Bürgern, einer ausgesprochen sinnenfreudigen französischen und einer stocksteifen, prüden vorpommerschen Großmutter, mit einer vom Leben enttäuschten, überforderten Mutter und einem kinderlieben, aber innerlich vereinsamten Vater, mit zwei deutlich älteren Geschwistern und einer jüngeren Schwester, von deren Geburt ich als Vierjährige überrascht wurde.

Heute habe ich mir mal wieder das Foto der Hochzeitsgesellschaft meines Bruders angeschaut und mich gefragt: Wo ist eigentlich Oma Conny? Sie war wohl gar nicht dabei, meine unvergleichliche französische Großmutter, und das ist schade. Mit ihrer Lebenslust und unnachahmlichen Grandezza hätte sie dem Schwarz-Weiß-Foto bestimmt einen Farbtupfer verliehen, vielleicht mit ihren knallroten Lackschuhen. Dafür war sie auf meiner ersten Hochzeit, und noch heute müssen wir lachen, wenn wir uns daran erinnern, wie sie sich, elegant wie immer, mit ihrem ausladenden Hinterteil mittig auf zwei Stühle setzte und alle bangten, ob das auch gut gehen würde.

Von ihr und all den anderen Sternen in meinem Familienkosmos werde ich hier demnächst einiges zu erzählen haben.

2 Gedanken zu „Mein Blog“

  1. Evelyn sagt:

    Liebe Christine, ich gratuliere dir zu deinem interessanten Baby! Rs scheint mir doch sehr gelungen !! Ich werde das Wachstum mit großer Freude und Interesse weiter verfolgen 😊

  2. Bettina Mohr sagt:

    Liebe Kristine, hervorragend 👍Ich gratuliere Dir von Herzen zu Deinem eigenen Blog und bin schon so gespannt, wie Deine Geschichten weitergehen. Dein Schreibstil ist grandios. Freue mich auf mehr. LG Bettina

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