Wer sich erinnert, lügt

Seit ich beschlossen habe, meine Familiengeschichte aufzuschreiben, arbeitet die Gedächtniszentrale in meinem Kopf pausenlos, sendet Filme auf meinen inneren Bildschirm und Gesprächsfetzen, bombardiert mich mit Fragen und hält mich mit Erinnerungen vom Schlafen ab. Ab und an runzle ich gedanklich die Stirn und frage mich: Kann das überhaupt so passiert sein?

Meine allererste Erinnerung katapultiert mich zurück in den Sommer, bevor meine Schwester Elisabeth geboren wurde. Ich habe mit meinen Eltern meine älteren Geschwister im Ferienlager ihrer Tanzgruppe in Graal-Müritz besucht und stehe da, umringt von Kindern und Erwachsenen, und singe mal wieder voller Begeisterung, überglücklich, im Mittelpunkt zu stehen. Stimmt das? Erinnere ich mich wirklich so genau oder nur deshalb, weil meine Mutter mir wieder und wieder davon erzählt hat? Ich könnte einfach meinen Bruder fragen, aber will ich mir eine hübsche Illusion zerstören?

Heute kam mir die Zeile in den Sinn: „Wer sich erinnert, lügt.“ Genau so ist es, dachte ich mir, schön knapp formuliert, und passt sogar in meinen Blog. Vorsichthalber googelte ich die Zeile – und siehe da, sie war gar nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen, ich hatte sie vor einiger Zeit in der Rezension zu einem Buch von Harald Welzer über das Wesen der Erinnerung gelesen. Wir lügen nicht bewusst, schreibt er da, unser Gedächtnis ist dynamisch und kreiert eine Realität, die es so nie gab. Wir füllen sogar Lücken in der Erinnerung mit Details auf, die wir in Filmen gesehen oder in Büchern gelesen haben.

Und die Frage nach der Wahrheit führt mich noch weiter: Woher weiß ich eigentlich einiges über meine Urgroßmutter Walburga? Von meiner Mutter, aber die war auch nicht dabei, sondern hat das berichtet, was ihr erzählt worden war. Orte und Daten lassen sich nachprüfen, der Rest ist ein Gemisch aus Kolportage, Spekulation und Phantasie.

In meinem ersten Post habe ich, das muss ich jetzt mal zugeben, bewusst gelogen, oder besser, ein bisschen geschwindelt. Meine Großmutter mütterlicherseits war gar keine „echte“ Französin, sondern zur Hälfte deutsch. Walburga, ihre Mutter, stammte aus Offingen bei Günzburg in Württemberg. Sie war etwa zwanzig Jahre alt, als sie um das Jahr 1900 herum nach Agde in Südfrankreich ging, um dort zu arbeiten. Warum ging sie ins Ausland, habe ich mich gefragt, fand sie in ihrer Heimat keine Stellung? Tatsache ist, dass sie, als meine Großmutter geboren wurde, schon ein uneheliches Kind hatte, eine Tochter namens Ria; vielleicht hieß sie auch Maria. In welchem Jahr das Kind zur Welt kam, weiß ich nicht; ich werde versuchen, es herauszufinden.

Und gleich produziert meine Phantasie mögliche Abläufe: Hatte Walburga das Kind bekommen, bevor sie nach Frankreich ging, und floh vor den Anfeindungen im katholisch geprägten Offingen? Oder war sie schwanger, als sie abreiste? Meine Vermutungen werden genährt durch ein Foto, das Ria als junge Frau mit einem kleinen Jungen zeigt, das ich von meiner Mutter bekommen habe. Der blonde helläugige Junge ist vielleicht sieben Jahre alt, er lächelt etwas schüchtern in die Kamera. Es ist Rias Sohn. Ria selbst schaut ernst und ein wenig traurig durch ihre kleinen runden Brillengläser, wie eine lebenslustige Frau wirkt sie nicht gerade. Ihre ausgewogenen Züge weisen auf afrikanische Wurzeln hin, der Mund, die Nase, die krausen schwarzen Haare. Wer war ihr Vater? Stammte er aus Afrika oder vererbte er seiner Tochter nur die Gene afrikanischer Vorfahren? Wo und bei wem wuchs Ria auf?

Auf jeden Fall muss sie irgendwann in Frankreich gelebt haben, denn auf einen Brief, den meine Großmutter ihr in den siebziger Jahren schrieb – auf deutsch, denn ihr Französisch hatte sie mit der Zeit vergessen –, antwortete Ria auf französisch. Ich lernte die Sprache seit einem Jahr in der Schule, daher bat Oma Conny mich, ihn ihr zu übersetzen, was mir mit meinen noch mageren Kenntnissen schwerfiel. Er begann mit den Worten „Madame, je vous prie de ne pas insister …“. An den Rest erinnere ich mich nicht, aber Ria wollte, soviel wurde klar, nichts von ihrer Schwester wissen. Ich weiß nicht einmal, ob die beiden als Kinder eine Zeitlang gemeinsam aufwuchsen, ob sie irgendwann in Verbindung standen. Aber woher hatte Oma das Foto von Ria und dem Jungen?

Ich könnte jetzt meine Phantasie spielen lassen und mir etwas zusammenreimen, mögliche Szenarien konstruieren. Doch ich habe mir vorgenommen, mich an Fakten zu halten, auch wenn sie nur mager sind. Vielleicht finde ich ja bis zum nächsten Post mehr heraus.

Ach ja, eine wichtige Kleinigkeit noch: Die Namen bereits verstorbener Personen behalte ich bei, die der anderen werde ich ändern. Es ist schließlich nur meine Version der Geschichte unserer Familie, und ich kreiere damit – siehe oben – eine Realität, die es so nie gab.

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